KRZ 17.Dez.2005 – von Matthias
Weigert
Dätzingen wurde vor 200 Jahren württembergisch
Die Säkularisation nahm den Johannitern die Kirchengüter und beendete
die 500-jährige Ordenszeit

In
diesen Tagen jährt sich zum 200. Mal die Übernahme der Kirchengüter in
Dätzingen durch das Haus Württemberg.
Für Helmut Skupnik vom Arbeitskreis
Heimatmuseum gibt es aber noch weitere Jubiläen, deren es in diesem Jahr zu
gedenken gilt, wie er gestern Abend in seinem Vortrag im Gemeinderat betonte.
"Es geht darum sich an gleich mehrere historische Wegmarken zu erinnern",
betont Skupnik im Gespräch mit der KREISZEITUNG.
Vor 40 Jahren endete die Adelszeit in Dätzingen, und zwar mit dem Tod von
Adrienne von Bülow. "Nach 40 Jahren hat in diesem Sommer erstmals ein Teil
des Familienverbandes derer von Bülow Dätzingen besucht, um unsere Form der
Erinnerung zu sehen und zu unterstützen", erzählt Skupnik. Ein Neffe der
Adrienne von Bülow, ein gewisser Professor und Augenarzt von Barsewisch, weilte
demnach zu Besuch, um seine Erlebnisse im Dätzinger Schloss zu schildern, die
er als junger Mann gemacht hat. "Er ist für den Arbeitskreis Heimatmuseum
ein wichtiger Zeuge für diese Zeit des Übergangs", betont Skupnik.
Im Jahr 1965 wechselte der Besitz nach der Säkularisierung im Jahr 1805 ein
weiteres Mal. Auf Leibrentenbasis hatte das Adelsgeschlecht derer von Bülow der
Gemeinde Dätzingen das Schloss vermacht. "In den Jahren 1961 und 1965
wurden im Schloss Mobiliar und Ausstattung versteigert und der Adelsbesitz in
alle Himmelsrichtungen verstreut. Nur im Nordwesten von Mecklenburg, in
Wolfshagen, hat der Neffe ein Museum aufgebaut, weil er aus den Versteigerungen
einiges retten konnte", weiß Skupnik zu berichten. Das Museum in
Wolfshagen zeigt das Leben des Landadels und Porzellan.
Vor zehn Jahren ist die Pflege des historischen Erbes für Skupnik zu einem
besonderen Höhepunkt gelangt: durch den Kauf des Porträts des letzten
Komturfreiherrn Johann Baptist von Flachslanden, der von 1739 bis 1822 lebte
und in Dätzingen 1773 bis 1805 amtierte, als die Zeit des Johanniterordens in Dätzingen
zu Ende ging.
"Mit dem Erwerb des Gemäldes hat die weit zurückliegende Vergangenheit ein
Gesicht bekommen", so Skupnik. Denn die Aufbauleistung des Komturs prägt
noch heute das Ortsbild Dätzingens. Dazu zählt der Ausbau des Schlosses zu
einem repräsentativen Adelssitz. Dieses wird besonders im Maltesersaal
augenscheinlich. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und soziale Errungenschaften für
die Bevölkerung führt Skupnik ebenfalls an. Dazu gehören die Einführung der
Schulpflicht sowie die Kranken- und Armenfürsorge. Die Allee am Schloss und der
Rathausbrunnen sind sichtbare Zeugen dieser Schaffenskraft.
Das Ende der Johanniter in Dätzingen, die heute als Malteser im katholischen
Zweig und als Johanniter im evangelischen Zweig fortbestehen und wirken, kam nach
über einem halben Jahrtausend. Die Enteignung der geistlichen Herrschaften, die
so genannte Zeit der Säkularisation, durch Württemberg fand in Dätzingen Ende
November 1805 statt.
"Die zwar zu erwartende aber dann doch überraschend schnelle Umsetzung durch
Kurfürst Friedrich beziehungsweise seinen Kommissar erfolgte mit schwäbischer
Gründlichkeit, sogar die vorhanden Silberlöffel wurden einzeln
inventarisiert", berichtet Skupnik. Das neu erworbene Gut wurde mit einem
Siegel gekennzeichnet, wie es heute auf der Rückseite eines Porträts im
Maltesersaal zu sehen ist.
Für Skupnik ist Flachslanden ein großer Politiker und
Diplomat gewesen: "Flachslanden hat mit und für den Orden noch nach einer
Möglichkeit des Fortbestehens gesucht und ein Abkommen zwischen Württemberg und
dem Orden geschlossen. So sollte der in Württemberg gelegene Ordensbesitz unter
der Souveränität des Kurfürstentums fortbestehen". Nach drei Jahren ist
der Versuch aber gescheitert. Flachslanden zog sich auf Ordensbesitz nach Neuburg
an der Donau zurück, den er zu einem privaten Refugium ausbaute und dort als
Adliger erfolgreich bewirtschaftete. 1822 starb Flachslanden. Sein Andenken
wird in einer Kirche bei Neuburg mit einer Gedenkplatte gewürdigt.
Heute ist das Dätzinger Schloss im geistigen Besitz des Kulturbürgertums: Vor
30 Jahren gründete sich der Kulturkreis mit der Möglichkeit der Kulturpflege in
diesem besonderen Rahmen eines Schlosses. Und vor 20 Jahren gründete sich im
Kulturkreis der Arbeitskreis Heimatmuseum, der das Museum im Schloss ins Leben
rief und auch derzeit zu einer Sonderausstellung einlädt. Das Spielzeug für
Jung und Alt ist noch bis Februar zu sehen.